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Mo Yan
Die Schnapsstadt
REZENSION
von Stephanie Grimm

"Das war kein Weinglas, das war die Sonne, wie sie am Morgen aufgeht, ein feuriger Ball von kalter Schönheit, das Herz eines verschmähten Liebhabers. Bald sollte er erleben, dass ein Glas Bier die Gestalt des trüben, braunen Vollmonds annahm, der einst am Himmel gestanden hatte und nun in den Speisesaal hinabgestürzt war: ein überreife Pampelmuse, ein flaumig gelber Ball, ein behaarter Fuchsgeist".

Was Mo Yan seinen Protagonisten Ding Gou'er hier so blumig ausschmücken und surreal beschreiben lässt, ist nur eines von vielen Trinkgelagen, die der Sonderermittler bei seiner Mission in der Schnapsstadt durchstehen muss. Sein Auftrag besteht darin, herauszufinden, was sich hinter den Vorwürfen verbirgt, in der (fiktiven) chinesischen Provinz würden kleine Kinder gegessen. Die Mission erweist sich für sein Verständnis von Logik ebenso wie für seine Sinne verwirrender, als es der Ermittler erwartet hätte - und das liegt nicht nur am Alkohol.

Auf die Sinne des Lesers wirkt der Roman, der seinen Plot auf verschiedenen Ebenen erzählt (durch die Augen des Protagonisten, ebenso wie durch einen fiktiven Briefwechsel zwischen Mo Yan und einem Doktor der Alkoholkunde und Möchtegern-Schriftsteller), fast ebenso schwindelerregend.

Die Geschichte schwebt fast durchgängig einen surrealen Zentimeter über dem Boden. Mo Yan kann wunderbar erzählen und bunt ausschmücken - daran hat man schon nach wenigen Seiten keine Zweifel. Zugleich versucht man jedoch als Leser, besonders vor dem Hintergrund, dass der Autor in China verboten ist, den politischen und gesellschaftssatirischen Subtext der Geschichte zu lesen und zu deuten. Dabei sich nicht in den wilden Metaphern des Autors zu verlieren, sondern die Handlung und die Bedeutung der Symbolik im Auge zu behalten, erweist sich manchmal als gar nicht so einfach.

Wer am Ball bleibt, der wird jedoch reich belohnt - eine allzu schwachen Magen sollte man allerdings nicht haben, an manchen Stellen wird's reichlich eklig. Trotzdem ist der Roman eine spannende, vor Phantasie überbordende, düstere und amtmosphärisch dichte Parabel über das moderne China. Die Essensgewohnheiten der Neureichen bekommen dabei ebenso ihr Fett weg wie Korruption und Dekadenz in den politischen Kadern. Trotzdem wünscht man sich bisweilen, der Autor hätte seine Phantasie etwas mehr gebündelt und sich auf das wesentliche beschränkt, statt jeden kleinen Erkundungsausflug des Ermittlers zu einem LSD-Trip werden zu lassen - beziehungsweise zu einem Alkoholtrip. Denn Schnaps scheint in dieser chinesischen Provinz ganz eindeutig halluzinogene Qualitäten zu besitzen.

Ob das dem Roman gut tut, ist wohl ein bißchen Geschmackssache. Auf jeden Fall fällt es leichter, sich in den Sog des Buches ziehen zu lassen, wenn man das Lesen nicht an zu vielen Stellen unterbricht - sonst überwiegt an einigen Stellen die Verwirrung.

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