"Das war kein Weinglas, das war die Sonne, wie sie am Morgen aufgeht,
ein feuriger Ball von kalter Schönheit, das Herz eines verschmähten
Liebhabers. Bald sollte er erleben, dass ein Glas Bier die Gestalt des
trüben, braunen Vollmonds annahm, der einst am Himmel gestanden hatte
und nun in den Speisesaal hinabgestürzt war: ein überreife Pampelmuse,
ein flaumig gelber Ball, ein behaarter Fuchsgeist".
Was Mo Yan seinen Protagonisten Ding Gou'er hier so blumig ausschmücken
und surreal beschreiben lässt, ist nur eines von vielen Trinkgelagen,
die der Sonderermittler bei seiner Mission in der Schnapsstadt
durchstehen muss. Sein Auftrag besteht darin, herauszufinden, was sich
hinter den Vorwürfen verbirgt, in der (fiktiven) chinesischen Provinz
würden kleine Kinder gegessen. Die Mission erweist sich für sein
Verständnis von Logik ebenso wie für seine Sinne verwirrender, als es
der Ermittler erwartet hätte - und das liegt nicht nur am Alkohol.
Auf die Sinne des Lesers wirkt der Roman, der seinen Plot auf
verschiedenen Ebenen erzählt (durch die Augen des Protagonisten, ebenso
wie durch einen fiktiven Briefwechsel zwischen Mo Yan und einem Doktor
der Alkoholkunde und Möchtegern-Schriftsteller), fast ebenso
schwindelerregend.
Die Geschichte schwebt fast durchgängig einen surrealen Zentimeter über
dem Boden. Mo Yan kann wunderbar erzählen und bunt ausschmücken - daran hat
man schon nach wenigen Seiten keine Zweifel. Zugleich versucht man
jedoch als Leser, besonders vor dem Hintergrund, dass der Autor in
China verboten ist, den politischen und gesellschaftssatirischen
Subtext der Geschichte zu lesen und zu deuten. Dabei sich nicht in den
wilden Metaphern des Autors zu verlieren, sondern die Handlung und die
Bedeutung der Symbolik im Auge zu behalten, erweist sich manchmal als
gar nicht so einfach.
Wer am Ball bleibt, der wird jedoch reich belohnt - eine allzu
schwachen Magen sollte man allerdings nicht haben, an manchen Stellen
wird's reichlich eklig. Trotzdem ist der Roman eine spannende, vor
Phantasie überbordende, düstere und amtmosphärisch dichte Parabel über
das moderne China. Die Essensgewohnheiten der Neureichen bekommen dabei
ebenso ihr Fett weg wie Korruption und Dekadenz in den politischen
Kadern. Trotzdem wünscht man sich bisweilen, der Autor hätte seine
Phantasie etwas mehr gebündelt und sich auf das wesentliche beschränkt,
statt jeden kleinen Erkundungsausflug des Ermittlers zu einem LSD-Trip
werden zu lassen - beziehungsweise zu einem Alkoholtrip. Denn Schnaps
scheint in dieser chinesischen Provinz ganz eindeutig halluzinogene
Qualitäten zu besitzen.
Ob das dem Roman gut tut, ist wohl ein bißchen Geschmackssache. Auf
jeden Fall fällt es leichter, sich in den Sog des Buches ziehen zu
lassen, wenn man das Lesen nicht an zu vielen Stellen unterbricht - sonst
überwiegt an einigen Stellen die Verwirrung.