Eine rot uniformierte Kellnerin entfernte den Kaktus, der in der Tischmitte gestanden hatte. Dann betraten zwei rot uniformierte Kellnerinnen den Saal und trugen ein großes rundes versilbertes Tablett hinein, auf dem ein unglaublich appetitlich duftender kleiner Junge saß.
Der goldbraun gebratene kleine Junge saß mit gekreuzten Beinen von süß duftendem Öl bedeckt in der Mitte des silbernen Tabletts. Ein naives, verwirrtes Lächeln stand in seinem lieblichen Gesicht. Eine Girlande von grünen Blättern und leuchtend roten Rettichblüten umgab ihn. Der verblüffte Sonderermittler starrte auf den Jungen und bemühte sich, die Säfte herunterzuschlucken, die sein Magen in die Speiseröhre entsandte. Ein Paar helle Augen erwiderten seinen Blick. Aus dem Stupsnäschen des Jungen quoll Dampf, und die Lippen zitterten, als wolle er etwas sagen. Sein Lächeln, sein naiver Liebreiz ließen verschüttete Erinnerungen im Geist des Sonderermittlers aufsteigen. Dunkel ahnte er, daß er diesen Jungen vor nicht allzu langer Zeit irgendwo gesehen hatte. Er hörte fröhliches Gelächter. Der zierliche Mund des Jungen roch nach frischen Erdbeeren. Schweine! Er schlug mit der Faust auf den Tisch und stand wütend auf.
Ein wissendes Lächeln spielte um Jin Gangzuans Mundwinkel. Der Bergwerksdirektor und der Parteisekretär grinsten schlau. Dem Ermittler war, als träume er. Er öffnete die Augen und sah sich um. Der Junge saß immer noch mit gekreuzten Beinen auf dem Tablett.
"Nach Ihnen, Genosse Ding", sagte Jin Gangzuan.
"Dies ist eine berühmte Spezialität der regionalen Küche", sagten der Parteisekretär und der Bergwerksdirektor. "Es heißt Der Storch bringt einen Sohn. Es ist für hohen Besuch und besondere Gäste reserviert. Sie werden es nicht so schnell vergessen. Es hat allgemein großes Lob geerntet und unserem Vaterland viel Devisen eingebracht, wenn wir es besonders wichtigen Gästen serviert haben. Ein solcher Gast sind auch Sie, Sonderermittler Ding."
"Nach Ihnen, Genosse Ding! Sonderermittler Ding Gou’er von der Oberstaatsanwaltschaft, probieren Sie bitte unser Der Storch bringt einen Sohn!" Der Parteisekretär und der Bergwerksdirektor schwenkten ihre Eßstäbchen in der Luft und ermunterten ihren Gast, zuzugreifen.
Der Junge roch so appetitanregend, daß niemand seinem Duft hätte widerstehen können. Das Wasser lief Ding Gou’er selbst dann noch im Munde zusammen, als er in seine Aktentasche griff und die kalte Mündung und den Griff seiner Pistole spürte. Die Mündung war rund, das Visier darüber dreieckig; die Pistole fühlte sich kühl an, den Griff schmückte ein Stern. Alles war in Ordnung, von einer Sinnestäuschung konnte keine Rede sein. Ich bin nicht betrunken. Ich bin Sonderermittler Ding Gou’er. Ich bin nach Jiuguo abgeordnet worden, um gegen eine Gruppe von Parteikadern unter der Führung von Jin Gangzuan zu ermitteln. Man wirft ihnen Kannibalismus vor. Ein schwerwiegender Vorwurf, ein sehr schwerwiegender Vorwurf, ein vernichtender Vorwurf, eine weltweit unerhörte Grausamkeit, ein Fall von Korruption, wie es ihn in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat. Ich bin nicht betrunken. Ich unterliege keiner Sinnestäuschung. Wenn sie glauben, sie könnten damit durchkommen, irren sie sich. Man hat mir ein gebratenes Kind serviert. Sie nennen es Der Storch bringt einen Sohn. Ich bin bei klaren Sinnen, aber sicherheitshalber werde ich meinen Verstand noch einmal überprüfen: Fünfundachtzig mal fünfundachtzig ist siebentausendzweihundertfünfundzwanzig. Gut so! Damit ist alles klar. Sie haben einen kleinen Jungen umgebracht, und ihn mir zum Abendessen serviert. Diese Verschwörer wollen mich zum Mitschuldigen machen, indem sie mir sein Fleisch in den Mund schieben. Er zog die Pistole.
"Keine Bewegung!", befahl er. "Hände hoch, ihr Ungeheuer!"
Die drei Männer blieben verblüfft und stumm sitzen. Nur die Mädchen in den roten Uniformen kreischten auf, stürzten kopflos durch den Raum und kuschelten sich aneinander wie eine Schar erschreckter junger Hühner. Mit der Pistole in der Hand schob Ding Gou’er den Tisch beiseite und trat ein paar Schritte zurück, bis er mit dem Rücken am Fenster stand.
Jin Gangzuan hob langsam die Hände über den Kopf. Der Parteisekretär und der Bergwerksdirektor schlossen sich seinem Beispiel an.
"Genosse Ding, alter Knabe", fragte Jin Gangzuan lächelnd, "finden Sie nicht, daß dieser Scherz ein bisschen zu weit geht?"
"Scherz?", erwiderte Ding Gou’er zähneknirschend. "Was gibt es hier zu lachen, ihr kinderfressenden Ungeheuer?"
Jin Gangzuan warf den Kopf zurück und brach in schallendes Gelächter aus. Der Parteisekretär und der Bergwerksdirektor lachten ebenfalls, auch wenn ihr Lachen eher töricht klang.
"Ding, alter Knabe, mein guter Ding", sagte Jin Gangzuan, "Sie sind ein guter Genosse mit einem ausgeprägten Sinn für humanistische Werte, und ich habe Respekt vor Ihnen. Aber Sie haben Unrecht. Sie sind einem subjektiven Irrtum erlegen. Sehen Sie doch einmal genau hin! Ist das ein kleiner Junge?"
Seine Worte übten die gewünschte Wirkung aus. Ding Gou’er wandte sich um und sah den Jungen auf dem Tablett genau an. Das Kind lächelte immer noch mit leicht geöffneten Lippen, als wolle es etwas sagen.
"Er wirkt unglaublich echt", sagte Ding Gou’er laut. "Richtig: er wirkt echt", nahm Jin Gangzuan seine Formulierung auf. "Und warum wirkt dieser imitierte Junge so echt? Weil die Köche von Jiuguo außergewöhnlich begabte, einmalige Meister ihres Gewerbes sind."
Der Parteisekretär und der Bergwerksdirektor schlossen sich seinem Lob an:
"Und das ist noch nicht alles! Es gibt eine Professorin an der Akademie für Kochkunst, die sie so herstellen kann, daß sogar ihre Augenlider sich bewegen. Da traut sich niemand mit den Stäbchen dran."
"Genosse Ding, alter Knabe, legen Sie die Pistole weg und greifen Sie zu den Eßstäbchen. Kosten Sie gemeinsam mit uns dieses einmalige Gericht." Jin Gangzuan senkte die Hände und winkte Ding Gou’er einladend zu. "Nein!", erwiderte Ding Gou’er entschlossen. "Ich teile hiermit mit, daß ich nicht an diesem Ihrem Festmahl teilnehmen werde."
Leicht irritiert sagte Jin Gangzuan mit ruhiger Stimme: "Sie sind stur, Genosse Ding, alter Knabe. Wir alle, wie wir hier sitzen, haben die geballte Faust erhoben und den Eid auf die Fahne der Partei abgelegt. Das Streben nach dem Glück des Volkes mag Ihre Aufgabe sein. Aber es ist auch die meine. Reden Sie sich nicht ein, Sie seien der einzige anständige Mensch auf Erden. Am Gastmahl von Jiuguo mit seinem Festgericht haben schon verdiente Führungskader aus Partei und Regierung, hoch verehrte Freunde unseres Landes aus allen fünf Kontinenten und berühmte Künstler und Prominente aus China und dem Rest der Welt teilgenommen. Sie alle haben uns mit Lob überhäuft. Sie, Sonderermittler Ding, sind der erste, der sich für ein festliches Mahl bedankt, indem er die Pistole auf uns richtet!"
Der Parteisekretär und der Bergwerksdirektor schlossen sich dem Abteilungsleiter an: "Genosse Ding Gou’er, was für ein böses Trugbild verschleiert Ihnen den Blick? Sind Sie sich klar darüber, daß sich Ihre Pistole nicht auf den Klassenfeind, sondern auf Ihre eigenen Brüder und Genossen richtet?"
Ding Gou’ers Handgelenk begann zu zittern, der Pistolenlauf senkte sich. Seine Augen wurden trübe. Ihr verführerischen Verbrecher! Glaubt nicht, daß ihr euch herausreden könnt! Der gebratene und gedünstete kleine Junge hat mich angelächelt. Ihr sagt, er sei in Wirklichkeit kein Kind, sondern ein berühmtes Gericht der gehobenen Küche. Wer hat jemals einen solchen Unsinn gehört? Zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen hat der Hofkoch Yi Ya den eigenen Sohn für seinen Herrn, den Herzog Huan von Qi, gekocht. Der Geschmack war erlesen wie zartes Milchlamm nur noch besser. Was habt ihr vor, ihr wildgewordenen Yi Yas? Nehmt die Hände hoch und seht, was euch erwartet! Yi Ya war immer noch besser als ihr. Wenigstens hat er seinen eigenen Sohn gekocht. Ihr kocht die Söhne fremder Mütter. Yi Ya gehörte der Klasse der feudalistischen Grundbesitzer an, und die Hingabe an den Herrscher entsprang der Tugend der Loyalität. Ihr seid führende Parteikader und tötet die Söhne des einfachen Volks, um euch den Bauch vollzuschlagen. Der Himmel wird dies sündige Treiben nicht dulden! Ich höre das mitleiderregende Klagen kleiner Jungen im Dämpftopf. Ich höre sie in knisternden Woks und auf hölzernen Hackbrettern klagen. Zwischen Öl, Salz, Sojasauce, Essig, Zucker, Anis, Pfefferkörnern, Zimt, Ingwer und Reiswein höre ich sie weinen. Sie weinen und klagen in euren Eingeweiden, in den Toiletten, in den Abwasserkanälen. Sie klagen in den Flüssen und in den Klärwerken. Sie klagen im Bauch der Fische und in der Ackerkrume, im Bauch von Walen, Haifischen, Aalen und Schleierschwanzfischen, in Weizenähren, in Maiskolben, in zarten Erbsenschoten, in den Knollen der Süßkartoffeln, in den Hirsehalmen. Worüber klagen sie? Sie weinen und weinen, sie heulen und klagen und brechen einem jeden das Herz, der ihre Klage aus Äpfeln, aus Birnen, aus Trauben, aus Pfirsichen, aus Aprikosen und Walnüssen hervorbrechen hört. Die Gemüsestände sind erfüllt vom Weinen der Kinder. Die Schlachthöfe sind erfüllt vom Weinen der Kinder. Über den Eßtischen von Jiuguo hört man die grauenhafte Klage all der ermordeten kleinen Jungen. Wen sollte ich erschießen, wenn nicht euch drei?
"Genosse Ding Gou’er", sagte Jin Gangzuan, "wenn wir wirklich Ungeheuer wären, die kleine Jungen fressen, hätten Sie jedes Recht, uns zu erschießen. Aber was ist, wenn es nicht so ist? Die Partei hat Ihnen diese Pistole gegeben, um Übeltäter zu bestrafen, nicht um nach Belieben das Leben der Unschuldigen auszulöschen."
"Wenn Sie etwas zu sagen haben, sagen Sie es jetzt", erwiderte Ding Gou’er.
Jin Gangzuan nahmen eines seiner Eßstäbchen und bohrte es in den süßen steifen kleinen Pimmel des kleinen Jungen. Der Junge brach auf dem Tablett zusammen und verwandelte sich in einen Haufen einzelner Glieder. Jin Gangzuan benutzte sein Eßstäbchen als Zeigestab und machte sich an seinen belehrenden Vortrag.
"Das ist der eine Arm des Jungen", sagte er. "Er besteht aus einer fetten Lotoswurzel vom See Yueliang, die kunstfertig mit sechzehn verschiedenen Kräutern und Gewürzen zubereitet wurde. Das Bein hier ist in Wirklichkeit eine Schinkenwurst. Der Körper des Knaben besteht aus dem eingelegten Fleisch einer Milchsau. Der Kopf ist aus einer Silbermelone hergestellt. Seine Haare sind nichts als dünne Gemüsestreifen. Eine genaue und detaillierte Beschreibung aller Einzelbestandteile und der sorgfältigen und mühsamen Handwerksarbeit, die für die Zubereitung dieses berühmten Gerichts notwendig war, kann ich Ihnen nicht liefern, denn es handelt sich um ein Geheimrezept unserer Provinz. Ganz genau kenne ich es ohnehin nicht. Wenn ich es wüßte, wäre ich Küchenmeister und nicht Stellvertretender Abteilungsleiter. Aber ich bin autorisiert, Sie darüber zu informieren, daß dieses Gericht auf legale, humane und menschenwürdige Weise hergestellt wird."
Nachdem er seinen Vortrag beendet hatte, griff Jin Gangzuan nach der einen Hand des Jungen und begann, sie hungrig abzuknabbern. Der Parteisekretär oder der Bergwerksdirektor spießte mit einer silbernen Gabel einen Arm auf und legte ihn Ding Gou’er auf den Teller.
"Greifen Sie zu, Genosse Ding", sagte er höflich. "Tun Sie sich keinen Zwang an."