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Michael Wolf
Sitting in China
REZENSION
Marion Lüttig, M.A. Profil

Die Eigenleben chinesischer Sitze

Sitting in China, fast schon eine fotografische Hommage an einen Allerweltsgegenstand, den man in dieser Ausführlichkeit der Varianten, Arrangements, Designs bislang eher auf Möbelmessen oder Designausstellungen finden konnte - in neuem Rahmen präsentiert von dem bereits seit vielen Jahren in Hongkong und China lebenden Fotografen Michael Wolf (*1954).

Nicht ohne Grund bezeichnet der herausgebende Verlag das ‚rote Buch' als "the most strange book about design and lifestyle". Ein anderer Blickwinkel auf die chinesische Alltagswelt: 100 Fotografien, die meisten stillebengleich, lassen den Betrachter mutmaßen, wie denn wohl der Besitzer des Sitzmöbels, den man, obgleich abwesend, noch zu spüren meint, anzuschauen sein mag. Und gleich darauf möchte man den Sessel, Hocker, Stuhl selbst nach seinen Erlebnissen befragen.

Fahrradsitze, gepolstert mit Stoffresten und zusammengeschnürt, zur Sitzfläche umgebogene Eisenstangen, herausragend aus Betonfundamenten, Bussitze auf Mauervorsprüngen, nichts, was sich nicht noch verwenden liesse - oder ein blauer Kordsessel, dem die fehlenden Beine durch rote Ziegel ersetzt wurden und der nunmehr fast throngleich schimmert - all dies Varianten des immergleichen Sitzens, reflexionsgleich, in China.

Gesessen wird ebenso häufig in Reihe, auf Lederimitatpolsterbänken der Hongkonger Börse, auf Decken mit Kissen in Beijing im nunmehr verbotenen Falung Gong-Sitz, in Chengdu begleitet von Hunderten anderer Radfahrer an einer roten Ampel, im Internetcafé auf hellblauen Plastikstühlen (aus einem Guss, nicht zum klappen!). Gesessen wird in dem Land der boomenden Wirtschaft viel, mitunter auch auf dem selben Möbel ausgeruht und geschlafen.

Die Sitzarrangements scheinen meist weit entfernt von der Anonymität der Masse, jedes ein unverwechselbares Individuum, so dass die Information ob jenes ‚lebenserfahrenen', vielfach geflickten Stuhls auf Seite 88 fast tragisch anmutet, der, nachdem von Wolf fotografiert, durch die örtliche Polizei ‚erschlagen' wurde aufgrund seiner vermeintlichen Schande für das Land.

Michael Wolf jedenfalls widmet dies Buch seiner Mutter, die ihn früh lehrte, die den gebrauchten Gegenständen immanente Schönheit zu sehen, sowie seinem Vater, von dem er lernte, mitunter stur zu sein und Wege bis zum Ende zu gehen.

Der in München geborene Fotograf lebte von 1955 bis 1973 in den USA und kehrte zum Fotografiestudium bei Otto Steinert in Essen nach Deutschland zurüc. 1995 zog er schließlich nach Hongkong, wo er seither als ‚contract photographer' für den Stern fotografiert (vertreten wird er seit kurzem in Deutschland durch die Fotoagentur laif) und mehrere fotografische Langzeitprojekte begann, von denen Sitting in China hoffentlich nicht das letzte Produkt seiner Eigenwilligkeit ist.

Wer bis zur Veröffentlichung der nächsten Arbeiten nicht warten möchte, kann die Neugier ein wenig unter www.photomichaelwolf.com stillen, oder investiere in den zusammen mit dem China-Korrespondenten der Frankfurter Rundschau, Harald Maass entstandenen Band China im Wandel aus 2001. Dem aufmerksamen Betrachter wird vielleicht die ein oder andere Aufnahme bekannt vorkommen ("hatte ich diesen Hausrohbau mit den Eisenstangen nicht schon in Sitting in China gesehen? Tatsächlich!"). Oder er fahre gar im September nach Hannover zur Ausstellung der Sitting in China - Fotografien im dortigen Kestnermuseum (4.-16.9.2003).

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 "Sitting in China"
 von Michael Wolf

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