Schon im ersten Beitrag der Anthologie wird aufgeräumt mit dem viel beschworenen „Mythos Himalaya“ und dem Traum von "Shangrila". Übrig bleiben vor allem nackte Tatsachen, die 2.400 Kilometer lange und 450 Kilometer breite "Schneekurve", die wie ein Tausendfüssler aus den Steppen Zentralasiens nach Süden rutscht. Nach dieser Fanfare leben sie jedoch gleich wieder auf, die Mythen und Legenden aus fast allen Anrainerstaaten. So unterschiedlich die Geschichten von zwanzig Autorinnen und Autoren auch verlaufen, gemeinsam ist ihnen, daß der Himalaya als der Sitz der Götter, allen voran der Hindugottheiten Shiva und seiner Frau Parvati, gesehen und verehrt wird.
"Himalaya" - in direkter Übersetzung, "der Ort des Schnees" - entführt uns ins Dickicht seiner Wälder, zerrt uns zu seinen Gletschern oder stellt uns auf seine Berggipfel. Abenteuer reiht sich an Abenteuer, das Atmen fällt schwer in der dünnen Luft der hohen Gebirgslandschaft. Doch die Lust am Lesen versiegt nicht. Wir werden auf die Jagd mitgenommen, übermenschlich große Yetispuren erweisen sich als vereiste Steinschläge, wir begegnen Heiligen oder es wird uns ein Blick in Augen gewährt, "in denen sich das Ende des Lebens verbirgt". Es ist die Rede vom Kampf mit der Natur, aber auch von den kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region, von der Not der Flüchtlinge, die immer wieder von vorne beginnen müssen. Zum einen gilt der Himalaya als Refugium für gestreßte Flachlandbewohner, deren Herz mit bisher nicht gekanntem Frieden erfüllt wird, zum anderen stellt er vielerorts eine kolosale Bedrohung dar, ausgelöst durch umweltzerstörische Einflüsse der letzten Jahrzehnte.
Der Band verweigert sich verklärenden Berichte von westlichen Autoren. Bewohnerinnen und Bewohner des Himalayas kommen selbst zu Wort und erzählen vom realen und spirituellen Alltag ihrer Heimatregion. Natürlich fehlen auch die Sherpas nicht. Sie berichten von Höhenregionen, in denen das Leben wahrhaftig und der Tod ganz nah ist. Eindringlich und hautnah wirkt auch heute noch die Beschreibung von Tenzing Norgay aus dem Jahre 1953. Zusammen mit Edmund Hillary bezwang er als erster den "Berg der Berge", den Mount Everest. Geradezu erschütternd ist die Nachricht, daß die Medien zwar äußerst detaillierte Biografien aller bei einem Lawinenunglück 1996 ums Leben gekommenen westlichen Bergsteiger veröffentlichen, die begleitenden Träger jedoch mit keinem Wort erwähnten. So wundert es auch nicht, daß Ang Rita, der zum damaligen Zeitpunkt den Mount Everest immerhin schon zehnmal bestiegen hatte, keinerlei Beachtung oder Würdigung erfuhr – er ist nur ein gewöhnlicher Sherpa, ein Träger.
"Sich ihrer Unvollkommenheit bewußt" sieht die Herausgeberin Alice Grünfelder die Anthologie. Derartige Bescheidenheit ist nicht angebracht, verleiht sie doch dem Himalaya erstmalig eine authentische grenzüberschreitende Stimme in deutscher Sprache und erlaubt einen umfassenden, streckenweise sehr kritischen Blick auf das berühmte Gebirgsmassiv. Der Leseausflug ist kein durchgehender Höhenflug. Unsere menschliche Begrenzung wird uns immer wieder vor Augen geführt, wenn es zum Beispiel heißt, daß man den heiligsten aller Berge, den Kailash mit dem türkisblauen Manasarovar-See, nicht innerhalb von einigen Tagen umrunden sollte, sondern daß ein Jahr notwendig wäre, um ihn in seiner ganzen Schönheit zu erfassen.