Der Amerikaner Kevin Kelly erfüllt sich zusammen mit dem deutschen TASCHEN-Verlag einen lang gehegten Wunsch: "I wanted to be able to show my friends and strangers the same fabulously amazing and lively Asia I saw all those years". Die Umsetzung gestaltet sich als tollkühnes Projekt: aus insgesamt 40.000 Bildern wurden gänzlich ohne Text 600 für den Bildband Asia Grace zusammengestellt. Der Mitbegründer des mehrfach ausgezeichneten Internetmagazins Wired bereiste vor seinem Einstieg in die New Economy in den 1970er Jahren Asien, die meisten Fotos stammen aus jener Zeit, ergänzt um einige weitere aus den 1980er und 1990er Jahren.
Die fotografische Reise beginnt im Westen Asiens, dem Iran, und geht weiter über Afghanistan, Pakistan, Indien, Nepal, Sri Lanka, Bangladesh, Myanmar, Thailand, Indonesien, den Philippinen, Taiwan, China/Tibet, Korea bis nach Japan. In jedem Land verbrachte Kelly in etwa zwei Monate und fotografierte nach der Methode "zuerst lächeln, dann knipsen, dann fragen," wie er es selbst auf der zeitgleich veröffentlichten Webseite http://www.asiagrace.com benennt.
Die Entscheidung Kellys und des Verlages auf Text zu verzichten, soll den Zugang des Betrachters zur Bilderreise störungs- und ablenkungsfrei machen. Die ergänzende Internetseite steht zur Verfügung, um Informationen zu den Bildern zu liefern und eigene Erfahrungen hinzuzufügen, um somit gleichsam mit Kelly und anderen in Dialog zu treten. Eine schöne Idee, über ein Bilderbuch miteinander in Austausch zu treten, jedoch erinnert dies mitunter eher an Plattformen à la Lonely Planet, auf denen Informationen zu besten und schönsten Reiserouten kommuniziert werden. Auch gerät die Zuordnung der einzelnen Bilder mitunter recht schwer – denn die in den Bildern selbst gegebenen Hinweise reichen nicht immer aus und erläuternder Text ist nicht vorhanden – zur Identifizierung auf die Webseite zurückgreifen zu müssen gerät daher auf Dauer eher enervierend. Hat man doch für haptisches und visuelles Erleben ein Buch erworben und sich gerade nicht ins 'worldwide web' eingewählt.
Die Fotos sind in der Tat wunderschön, aber die hochgradig satten Farbbilder und die gänzliche Abwesenheit von jeglichem Westlichen lässt es manchmal scheinen, als bewege man sich in einer sehr selektiven, von allen störenden Einflüssen bereinigten, Reiseführer-‚Asian Fantasy’ denn in der asiatischen Wirklichkeit. Unweigerlich fragt man sich, wie es denn möglich sein kann, solch dicht besiedelte und – bereits in den 1970ern – von Touristen überschwemmte Gegenden zu besuchen, ohne ein einziges Bild mit einem weißhäutigen Rucksacktouristen, einer Auto-Rikscha oder einer Bisleri-Wasserflasche zu fotografieren - es sei denn, man plane all dies genau so und nicht anders.
Somit gerät man mitunter darüber ins Grübeln, was es zu bedeuten hat, wenn eine der prominentesten Stimmen für eine imaginierte Zukunft ein weiteres Werk publiziert, das einen romantisch verklärten Blick in die Vergangenheit Asiens wirft. Aber vielleicht ist der opulente Bildband eher eine Einladung zur Kritik des Orientalismus, oder doch einfach Zuckerwatte für die Augen, deren Süße genossen und nicht zu sehr der Prüfung unterzogen werden will. Vielleicht hätte eine Diashow "unter Freunden" aber doch genügt.