Kritik am Europazentrismus als vorherrschender Perspektive in der politikwissenschaftlichen Forschung des Westens zieht sich seit jeher als Konstante durch das akademische und publizistische Wirken von Gottfried-Karl Kindermann. Generationen von Studenten erinnern sich an seine Klage über das erschreckend unterentwickelte Wissen, das man hierzulande insbesondere von Asien habe, ganz im Gegenteil zum vergleichsweise hochentwickelten Bildungswissen über den Westen in Asien. Selten hatte Kindermanns Kritik eine größere Berechtigung als heute, im Zeitalter der Internationalisierung und Globalisierung. "Die Realität des Globalisierungsprozesses", so der Münchner Professor für Internationale Politik, "erfordert vom Westen in jedem Fall eine Sprengung europazentrischer Perspektivenverengungen zugunsten eines universalen Weltverständnisses, in dem die Entwicklung und Gegenwart des ostasiatisch-pazifischen Raumes einen Stellenwert erhält, der ihrer Bedeutung entspricht."
Wer bislang dem Appell Kindermanns folgen und sein Wissen über Asiens Geschichte und Gegenwart in Politik, Wirtschaft und Kultur verbessern wollte, tat sich allerdings nicht leicht. Kompakte, aktuell und verständlich aufbereitete Informationen über diesen immer bedeutsameren Teil der Welt waren bislang in den deutschsprachigen Verlagsprogrammen selten zu finden. Auch wenn vereinzelt immer wieder durchaus interessante Publikationen zu einzelnen Ländern der asiatisch-pazifischen Region oder Fachbücher zu einzelnen asienpolitischen Problembereichen erscheinen, insgesamt betrachtet ist das Thema Asien nach wie vor ein Stiefkind auf dem deutschen Buchmarkt. Mit seinem aktuellen Buch "Der Aufstieg Ostasiens in der Weltpolitik 1840-2000" trägt der Politikwissenschaftler nun selbst zum Schließen dieser Lücke bei.
Kindermanns über 700 Seiten starkes durch zahlreiches wertvolles Bild- und Kartenmaterial ergänztes Buch ist der vorläufige Höhepunkt im Schaffen des Münchner Politikprofessors und untermauert dessen Ruf als einer der versiertesten Kenner Ostasiens im deutschsprachigen Raum. Vier Jahrzehnte lang hat sich Kindermann mit der Geschichte und Politik Ost- und Südostasiens auseinandergesetzt und bei zahlreichen Aufenthalten in der Region persönliche Kontakte bis in die höchsten Kreise der politischen Führungen geknüpft, wovon der Leser seines neuen Buches profitiert. Die Liste der Persönlichkeiten, die Kindermann bei seinen Forschun-gen als Gesprächspartner zur Verfügung standen, liest sich wie das "Who is Who" der politischen Größen Ostasiens. Der südkoreanische Staatspräsident Kim Dae Jung, der Dalai Lama, oder der kambodschanische Prinz Ranariddh sind nur drei der vielen prominenten Interviewpartner, mit denen sich der Verfasser ausgetauscht hat.
"Im Interesse einer besseren Lesbarkeit" hat der Verfasser auf politologische Terminologie weitestgehend verzichtet. Mit diesem Buch geht es ihm in erster Linie darum, präzise und prägnant über Ostasien zu informieren und diese Region einem großen Interessentenkreis näherzubringen. Den von ihm im Fach Internationale Politik entwickelten Theorieansatz der Münchner Schule des Neorealismus greift Kindermann in diesem Buch bewußt nicht auf, kann sich aber verständlicherweise nicht ganz dem Einfluß seiner eigenen Theorie entziehen. So wäre das aktuelle Buch kein "echter Kindermann", wäre nicht der Geschichte als wichtiger Determinante für die Erklärung der politischen Gegenwart ein zentraler Stellenwert eingeräumt worden.
Vom Opiumkrieg im China der Jahre 1840-1842 bis an die Schwelle des 21. Jahrhunderts reicht der Beobachtungszeitraum dieses vielschichtigen Werkes. Den von den Völkern und Staaten Ostasiens "schockartig erlebten Vorgängen" der gewaltsamen Unterdrückung durch die fremde Zivilisation der Industriemächte im 19. Jahrhundert wird nicht um ihrer selbst Willen viel Platz eingeräumt, sondern, weil der Verfasser sie als Voraussetzung für jedes vertiefte Verständnis des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart voraussetzt. Immer wieder stellt der Asienkenner auf diese Weise bedeutende Ereignisse in Zusammenhang. Als Beispiel sei hier z.B. auf den Raub von Hong Kong im Jahr 1860 und die Rückgabe der britischen Kronkolonie 1997 verwiesen, die wie eine Klammer die von Kindermann dargestellten Ereignisse thematisch umschließen.
Kindermanns neues Buch ist eine lesenswerten Synopse der auswärtigen und internationalen Politik der Staaten der ostasiatisch-pazifischen Region. Es ist für Geschichtsinteressierte ebenso interessant wie für Beobachter der aktuelleren politischen Ereignisse in China, Japan, auf der koreanischen Halbinsel aber auch in Südostasien, insbesondere Vietnam oder Kambodscha. Der erste Teil dieses Buches, dessen Beobachtungszeitraum von 1840 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges reicht, hat seine Ursprünge in Kindermanns 1970 verfaßtem Buch "Der Ferne Osten in der Weltpolitik des industriellen Zeitalters". Komplett neu überarbeitet und ergänzt durch aktuelle Ergebnisse der Asienforschung liefert dieser Teil, das historische Rüstzeug für den zweiten Teil, der mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima beginnt und bis in die Gegenwart reicht.
Ein Buch wie das vorliegende zu verfassen, erfordert in erster Linie die Kunst der Selektion aus der Fülle der vermeintlich wichtig erscheinenden Ereignisse. Diese Kunst beherrscht Kindermann ebenso perfekt wie er es versteht, die ausgewählten Strukturelemente in einen spannenden Zusammenhang zu stellen, der nahezu gänzlich ohne Wiederholungen und Rekapitulationen auskommt. Wiederholungen erfolgen dort, wo sie notwendig sind, jedoch immer aus verschiedenen Perspektiven oder mit der Intention, neue interessante Teilaspekte zu betonen.
Kindermann hat sein neues Buch in regionale Schwerpunkte gegliedert, ohne dem strengen Diktat einer chronologischen Ereignisabfolge zu verfallen. Jedes der insgesamt 34 Kapitel ist in sich geschlossen und auf wesentliche Zäsuren oder herausragende Ereignisse beschränkt. Wie nur wenige deutschsprachige Politikwissenschaftler versteht er es, auch komplizierte Sachzusammenhänge und Interaktionsmuster der staatlichen und nichtstaatlichen Akteure knapp und dennoch äußert präzise zu schildern. Somit ist dieses Buch durchaus auch Lesern zu empfehlen, die sich selektiv über Einzelereignisse der ostasiatischen Geschichte oder Gegenwart, wie etwa über den Koreakrieg, Taiwan im Wandel oder, ganz aktuell, "China, Amerika und Japan in der Sicherheitsarchitektur der Jahrhundertwende", informieren wollen. Doch kaum einer dieser Leser wird den ebenso spannenden und in sich geschlossenen historischen Kapiteln des ersten Teiles wirklich widerstehen können. Vielleicht wird der eine oder andere auf diese Weise auch unbewußt der Intention des Verfassers gerecht werden und Schritt für Schritt dem Europazentrismus abschwören.