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Mian Mian
La La La

REZENSION
von Stephanie Grimm

Das neue China ist ein wilder Ort, diese Erkenntnis ist nun auch im deutschen Feuilleton und bei deutschen Verlagen angekommen. In China wird gerade das auch kulturell interessante Experiment unternommen, einen relativ autoritären Staat mit kapitalistischen laisser-faire zu verbinden. Und das, was in den Nischen dieser Gesellschaft sprießt, das ist bisweilen ganz schön schillernd, das hat nicht mehr viel mit dem maoistischen China zu tun. Plötzlich gibt es in chinesischen Grosstädten wie Shanghai und Peking ein Nachtleben, wilden Hedonismus, Kriminalität, Drogen und Subkulturen. Kein Wunder also, dass die saturierte, postmoderne, westliche Welt sich mit Begeisterung auf authentische Stimmen aus diesem neuen China stürzt.

Eine Autorin, die über diese Welt schreibt, ist die mittlerweile 31-jährige MianMian. Deren Buch "Lalala" wurde gleich nach Erscheinen in China verboten - keine schlechte Werbung. Ihre Glaubwürdigkeit ist durch die Intervention des offiziellen China natürlich gestiegen.

Die Früchte dieser unfreiwilligen Werbung von Seiten der Regierung muss sie sich mit einer anderen jungen Schriftsteller-Kollegin teilen. Auch Wei Hui bemüht sich in ihrem kurz nach Erscheinen ebenfalls verbotenen Roman "Shanghai Baby", möglichst authentisch von ihrer Nachtschattenexistenz zu erzählen und dabei verrucht daherzukommen. Prompt ist zwischen den beiden Autorinnen Wei Hui und MianMian ein heftiger Streit darüber entbrannt, wer nun schräger ist und wilder, bei wem es exzessiver zugeht und wer authentischer leidet.

Wären solche Authentizitätswettbewerbe nicht sowieso albern, Siegerin nach Punkten wäre eindeutig MianMian. Die schmiss nämlich tatsächlich die Schule, und damit steht man in China noch viel schlechter da als hierzulande. Sie wurde tatsächlich mit 17 heroinanhängig und war jahrelang Junkie. Sie erlebte den Selbstmord guter Freunde und lavierte sich durch viele unglückliche Liebesgeschichten.

"Lalala" bietet ein Zeugnis von diesem Leben. Insgesamt vier Geschichten erzählt MianMian und in denen geht es um tragische Liebesgeschichten, Rock'n'Roll, den Verlust von besten Freunden, um Drogen, Alkohol und Selbstmord. Und obwohl MianMian übersetzt "Baumwolle" heißt und der chinesische Name ziemlich lieblich klingt, ein bisschen nach katzenhafter Häuslichkeit, gibt es hier wenig Raum für versöhnlerische Gedanken. Im Gegenteil: Die Frauen - MianMian erzählt immer aus der Perspektive weiblicher Protagonistinnen - in den Geschichten führen in der Tat ein ziemlich ungesundes und ungemütliches Leben. Sie stecken in Liebesbeziehungen, die leidenschaftlich und bitter sind. MianMians Protagonistinnen sind Junkies, sie saufen, sie sind naiv und misstrauisch zugleich und behandeln einander schlecht. Dauernd müssen sie sich selber aus dem Sumpf ziehen, denn Hilfestellungen von außen gibt es nicht. Sie leben in Peking oder Shanghai und sind Künstler, Rockstar oder gar nichts. Die gesellschaftliche Mainstream spielt in MianMians Universum eigentlich gar keine Rolle, sie versucht er gar nicht, mit den Hütern des offiziellen Menschenbildes der Volksrepublik China zu kommunizieren. Wohl deshalb, wegen dem kompletten Fehlen eines gesellschaftlichen Rahmens, auf den sie sich bezieht, ist MianMian geradezu zwanghaft darin verwickelt, sich mit ihren inneren Gefühlen auseinander zu setzen.

Als Ausdruck eines Lebensgefühls ist das sicher interessant. Das aber ändert nichts daran, dass man sich bei der Lektüre dieser auf die Spitze geschriebenen Selbstreflexivität manchmal ein bisschen peinlich berührt fühlt. Allerdings sind ihre Ergüsse oftmals so offensichtlich auf die Spitze getrieben, dass man nicht mehr an ein peinliches Über-die Stränge-Schlagen, sondern man an ein bewusst eingesetztes und ironisches Stilmittel glaubt.

Ob nun ironisch oder ernst gemacht - das wirklich erstaunliche ist, dass die Geschichten trotz ihrer düsteren Inhalte nicht wirklich deprimieren. Dazu kommt das alles zu lakonisch daher. MianMians Protagonistinnen sind wie Stehaufmännchen, die die unglaublichsten Dinge durch- und vor allem überleben. Das sie gleich auf der nächsten Seite wieder in eine andere Richtung umkippen, nimmt man spätestens bei der zweiten Geschichte schulterzuckend zur Kenntnis. Die Beschreibung bitterer Gefühle kontrastiert MianMian immer wieder mit trockenem Humor und mit einem fast zärtlichen Blick auf die Menschen, die sie umgeben. Deshalb stört es auch nur ein bisschen, dass die Geschichten sich alle irgendwie ähneln und man am Schluss gar nicht mehr so richtig weiß, was in welcher Geschichte ist.

Es geht in diesem Buch eben weniger darum, originelle Geschichten zu erzählen als darum, von einem subkulturellen Lebensgefühl im heutigen China zu erzählen. Und trotz allem Erstaunen und kulturellem Befremden, das man als westlicher Leser angesichts dieses ungebrochenen Pathos für "sex, drugs, rock'n'roll" empfinden kann, funktionieren MianMian Geschichten auch genau als Ausdruck dieses Lebensgefühls.
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